Kanton Bern baut Forschung zu Viren und Bakterien aus

Kanton Bern baut Forschung zu Viren und Bakterien aus

Foto: Raphael Moser

Von Selina Grossrieder, Der Bund 17.06.2020

Kanton Bern baut Forschung zu Viren und Bakterien aus

Ein neues Sicherheitslabor stärkt den Medizinalstandort Bern.
Im nationalen Vergleich zeigen sich aber strategische Nachteile.

«Zutritt nur für Berechtigte», steht auf Schildern. Ein gelbes Symbol warnt vor Biogefährdung. Lämpchen blinken, und Bildschirme zeigen Daten zu Raumtemperatur oder Luftdruck an.

Nur für einen kurzen Moment war das neue Sicherheitslabor des Instituts für Infektionskrankheiten auf dem Sitem-Insel-Areal in Bern am Dienstag für die Aussenwelt einsichtbar. Fortan sind Besuche im Labor der Sicherheitsstufe 3 untersagt, denn dort untersuchen Forscherinnen und Forscher ab jetzt hochansteckende Viren und Bakterien wie Tuberkuloseerreger, Sars oder das Denguevirus. Es ist die zweithöchste Sicherheitsstufe. Auf Stufe 4 werden Viren wie Ebola untersucht, welche die meisten gesunden Menschen töten können.

 

Ein strenges Protokoll

Für die Forscher gilt ein strenges Sicherheitsprotokoll. Sie tragen bei ihrer Tätigkeit Schutzausrüstung und passieren mehrere Schleusen, um zu ihrem Arbeitsbereich zu gelangen. Auch das Verlassen des Labors nehme viel Zeit in Anspruch, erklärt Kathrin Summermatter, Leiterin des Sicherheitszentrums, denn es dürfen keine Erreger entweichen.

Die Eröffnung des neuen Laboratoriums könnte kaum zu einem besseren Zeitpunkt erfolgen, denn bald soll dort auch zu den neuen Coronaviren geforscht werden. Einer der Forscher, die sich im neuen Labor einrichten, ist Virologe Ronald Dijkman von der Universität Bern. Er erforscht Coronaviren seit langem und möchte in einem seiner Projekte herausfinden, wie lange diese ansteckend bleiben. Abgesehen vom Projekt von Dijkman haben weitere Forschungsarbeiten bereits begonnen. Diese beschäftigen sich mit Tuberkuloseerregern.

 

Infrastruktur zur Miete

Das Biosicherheitslabor auf dem Insel-Areal in Bern ist nicht das erste seiner Art. Vielmehr ergänzt es das bisherige Angebot im Kanton. So gibt es bereits in Mittelhäusern ein Labor der Sicherheitsstufe 3. Als erste Forschergruppe weltweit haben dort der Bakteriologe Jörg Jores und der Virologe Volker Thiel synthetische Klone des Coronavirus erzeugt. Die Corona-Forschung in Mittelhäusern sei den Projekten auf dem Sitem-Areal ähnlich, sagt Summermatter: «Es geht darum, zu erforschen, wie das Virus im Mensch wirkt.»

Im schweizweiten Vergleich ist das neue Labor eines von vielen, denn nach Schätzungen von Daniel Dauwalder, Sprecher des Bundesamts für Gesundheit, gibt es hierzulande etwa 40 bis 45 Laboratorien. Labors der Sicherheitsstufe 4 hingegen zählt die Schweiz nur vier, eines davon befindet sich in Spiez.

Im neuen Berner Labor einzigartig ist allerdings, dass sich auch externe Firmen einmieten können. «Unsere Infrastruktur ist prädestiniert für solche Projekte», sagt Summermatter. Für die Corona-Forschung seien die zusätzlichen Forschungskapazitäten im Sitem wichtig, sagt Nathalie Matter, Mediensprecherin der Universität Bern. Denn im Labor können die Viren nicht nur nachgewiesen, sondern auch kultiviert und erforscht werden.

Als besonders hilfreich im Kampf gegen das Coronavirus könnte sich das translationale Konzept des Sitem-Zentrums erweisen. So soll eine Idee aus der Forschung möglichst schnell in eine konkrete Anwendung übersetzt werden. Laut Matter könnte sich dies etwa bei der Entwicklung eines Impfstoffes als Vorteil erweisen.

Die medizinische Forschung des Kantons Bern sei für die Schweiz wegen ihrer Nähe zur Bundesregierung wichtig, erklärt der Virologe Didier Trono von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne. Er kennt die Biosicherheitslabors in der Schweiz aufgrund seiner langjährigen Forschung. Dem Kanton fehlten jedoch strategische Vorteile, wie man diese beispielsweise in Basel habe. Dort profitiere die Forschung von der Nähe zu grossen Pharma- und Chemieunternehmen. Auch Genf habe einen strategischen Vorteil, da die Region von der Präsenz vieler internationaler Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation oder der europäischen Organisation für Kernforschung Cern im Kanton profitiere. Angesichts dieser Unterschiede weise die Forschung in Bern einen «ausgezeichneten Standard» auf.

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